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Rücktritt der
Marzahn-Hellersdorfer NPD-Kreisvorsitzenden
Am 06. Februar 2009 erklärte die Marzahn-Hellersdorfer
NPD-Kreisvorsitzende und ehemalige Landesvorsitzende des RNF Berlin,
Gesine Hennrich, ihren Rücktritt von allen Ämtern und ihren Austritt
aus der Partei. Dies ist das Ergebnis eines monatelang schwelenden
Konflikts um die internen Machtverhältnisse in der Berliner NPD.
Wie alles begann...
Gesine Hennrich (geb. Damerow) aus Bad Bevensen bei Uelzen
(Niedersachsen) ist erstmals im Sommer 2007 in Marzahn-Hellersdorf
aufgefallen. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sie sich zu
einem Aktivposten im schlummernden NPD-Kreisverband
Marzahn-Hellersdorf. Neben der regelmäßigen Begleitung der
NPD-Verordneten, Matthias Wichmann und Karl-Heinz Burkhardt zur
Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf zusammen mit
deren ehemaligen Fraktionsmitarbeiter - Hans-Joachim Henry
(NPD-Kreisvorsitzender Tempelhof-Schöneberg) und der
kontinuierlichen Teilnahme an Nazidemonstrationen in Berlin und
Brandenburg erlangte die im Nachbarbezirk Hohenschönhausen wohnhafte
Hartz4-Empfängerin schnell Einfluss im NPD-Kreisverband
Marzahn-Hellersdorf. Innerhalb kurzer Zeit wurde sie zur
stellvertretenden Kreisvorsitzenden gewählt und war seit Juli 2008
Leiterin der neu gegründeten Berliner RNF(1)-Regionalgruppe
2. Kurz darauf löste sie S. Bathke als NPD-Kreisvorsitzenden in
Marzahn-Hellersdorf ab. Dass Hennrich die parteiinterne
Karriereleiter so schnell hinaufsteigen konnte, scheint sie ihrem
rastlosen Aktivismus und dem Mangel an geeignetem Personal zu
verdanken. Kaum eine NPD-Aktion im letzten Jahr, bei der sie nicht
zu finden war. Im Rahmen ihres Engagements bei der NPD sorgte sie im
Kreisverband für neuen Wind. Angeblich soll sich die Anzahl der
Mitglieder unter Hennrich als Kreisvorsitzende auf etwa 50 im Jahr
2008 nahezu verdoppelt haben. Obgleich der
Marzahn-Hellersdorfer-Kreisverband quantitativ zu den
Mitgliedsstärksten in Berlin gezählt haben mag, können dessen
Aktivitäten, die sich auf einige wenige Infostände und regelmäßig
abgehaltene Stammtische reduzierten, als marginal bewertet werden.
Nazi-Demo am 18. Oktober 2008 in Marzahn
Unter dem Motto „Unsere Kinder – Gegen Kindesmisshandlung,
Verwahrlosung unserer Kinder, Kinderschänder!“
marschierten am
18.10.2008 etwa 300 Neonazis durch Marzahn-Hellersdorf. Ursprünglich
sollte die Demo eine Veranstaltung der NPD werden. Interne
Differenzen führten jedoch dazu, dass Gesine Hennrich und
Hans-Joachim Henry diese Demo als Privatpersonen anmeldeten und als
„Nationaler Widerstand“ dorthin mobilisiert wurde.
Auseinandersetzungen um die Demonstration zeigten, dass Henry
Gegenspieler des NPD-Landesvorsitzenden Jörg Hähnel ist. Der
Landesverband Berlin erklärte schließlich, dass die Demonstration
abzusagen sei, da andere Sachen an diesem Tag Vorrang genießen
würden und daher keinerlei Unterstützung für diese Veranstaltung
möglich wäre. Des weiteren drohte man mit einem Boykott der
Demonstration, falls die VeranstalterInnen weiterhin an ihrem
Vorhaben festhalten sollten. Hähnel soll letztlich nicht nur
verhindert haben, dass die Demo von der NPD veranstaltet wird, er
wird auch für einen angeblichen Angriff von Vermummten auf die
Anmelderin zwei Tage vor der Demo verantwortlich gemacht.
Hans-Joachim Henry selbst äußerte die Vermutung, dass die Täter aus
den NPD-Kreisverbänden Pankow und Lichtenberg kommen könnten. In
Nazikreisen sollen des weiteren Rund-SMS geschickt worden seien, die
behaupteten, der Aufmarsch fände nicht statt. Das Nazi-Infoportal
"Altermedia" verbreitete schließlich die Version, dass insbesondere
die Autonomen Nationalisten der eigentliche Grund dafür gewesen
seien, dass die Parteiführung eine parteieigene Demonstration
boykottierte.
Ihrem Ruf als äußerst streitbare Person wurde Gesine Hennrich
wiederholt auf einer Nazidemonstrationen am 06.12.2008 in Berlin
gerecht. Nachdem sie mehrmals von Ordnern dazu aufgefordert worden
sei, das Rauchen einzustellen, verließ
sie zusammen mit Henry und etwa einem Dutzend weiterer Kameraden die
Demo. Die Gruppe bewegte sich daraufhin zur Kneipe „Jägerheim“,
deren Wirt seine Räumlichkeiten in der Vergangenheit auch dem
Marzahn-Hellersdorfer Kreisverband für Stammtische und
Kameradschaftsabende zur Verfügung stellte.
Jüngste Eskalation des Konflikts
Am 06.02.2009 wurde auf dem Nazi-Internet-Portal "Altermedia" ein
Schreiben Gesine Hennrichs veröffentlicht. Darin erklärte sie mit
sofortiger Wirkung alle politischen Ämter niederzulegen und aus der
Partei auszutreten. Sie erhebt dabei schwere Vorwürfe gegen den
Berliner NPD-Chef Jörg Hähnel und NPD-Bundesvorstandsmitglied
Manfred Börm. Jörg Hähnel habe sie am 03.02.2009 zu einem Gespräch
in die NPD-Zentrale gebeten, um sie zu befragen wie sie zu ihm und
seinem „politischen Widersacher“ Hans-Joachim Henry stehe. Nachdem
Hennrich
ihre Loyalität zu Henry bekundete,
habe Hähnel das
Gespräch beendet. In diesem Zusammenhang soll Hennrich ihren
Rücktritt vom Kreisvorsitz angekündigt haben. Anschließend wurde sie
noch zu einem weiteren Gespräch mit Manfred Börm, u.a.
Bundesordnungsleiter der NPD, gebeten. Börm habe damit gedroht
Bilder von
Hennrich zu veröffentlichen, „die der Pornografie
zuzuordnen seien“ und sie damit zu diskreditieren, sollte sie ihre
Ämter nicht binnen weniger Tage niederlegen. In ihrer Erklärung
heißt es, dass sie den Forderungen nachkomme und darüber hinaus auch
die Partei verlasse.
Des weiteren soll mit ihr der
gesamte Kreisvorstand von seinen Ämtern zurückgetreten, sowie bisher
85% aller NPD-Mitglieder des Kreisverbands Marzahn-Hellersdorf aus
der Partei ausgetreten sein, sodass sich der Kreisverband aktuell
aus weniger als 10 Personen zusammensetzt.
Ihren Rückzug aus der NPD will Gesine Hennrich jedoch
nicht als Schuldeingeständnis sehen. Aufgrund der gewalttätigen
Vergangenheit Börms müsse Hennrich dessen Drohungen sehr ernst
nehmen. Um ihre Familie zu schützen käme sie den Forderungen der
NPD-Funktionäre nach.
Börm seinerseits bestritt am 06.02.2009 gegenüber
SPIEGEL ONLINE
am Freitag die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und kündigte eine
Stellungnahme für die kommende Woche an. Den Rücktritt Gesine
Hennrichs bestätigte indes NPD-Bundessprecher Klaus Beier. Für diese
Woche plane der Kreisverband Marzahn-Hellersdorf eine Sondersitzung
durchzuführen, um mit der Schadensaufnahme zu beginnen.
Die Veröffentlichung der Rücktrittserklärung Hennrichs schlug
erwartungsgemäß hohe Wellen im neonazistischen Lager. Bemerkenswert
ist hierbei, dass der Konflikt immer neue Blüten trägt.
Kommentatoren auf „Altermedia“ verlinkten kurz nach der
Veröffentlichung des Schreibens, Nacktfotos von Gesine Hennrich,
sowie Internet-Seiten, auf denen sie sexuelle Dienste gegen Geld
anbietet.
Am 08.02.2009 veröffentlichte „Altermedia“ die Mitteilung, dass
Gesine Hennrich die Echtheit der im Internet kursierenden Fotos
bestätigt hat. Sie teilte dem Nazi-Internetportal ebenfalls mit,
dass die Fotos aus dem Jahr 2007 stammen würden und von ihrem
früheren Freund gemacht wurden. Nachdem die Beziehung in die Brüche
ging, soll ihr früherer Freund ihr damit gedroht haben, dass sie die
Trennung noch bereuen würde. Vorwürfe, sie hätte selber Annoncen für
ihre Dienste im Internet geschaltet, wies sie dabei von sich.
Mit der
Veröffentlichung der Bilder sei Hennrich erstmals bei der bereits
erwähnten Demonstration im Oktober konfrontiert worden, nachdem
AntifaschistInnen Flugblätter mit einer dieser Fotografien unter den
Nazis verteilten. Spätestens nach der Veröffentlichung des
Flugblatts auf Indymedia war zumindest eines der Bilder also auch
den derzeitigen Protagonisten des Konflikts bekannt und der Stein
ins Rollen gebracht.
Fazit
Auch nach dem Parteiaustritt Hennrichs bleibt der parteiinterne
Konflikt im Berliner Landesverband weiterhin bestehen. So ist davon
auszugehen, dass der Kreisverband Tempelhof-Schöneberg um
Hans-Joachim Henry den ehemaligen Marzahn-Hellersdorfer
NPD-Mitgliedern auch weiterhin verbunden bleiben wird und sich die
Differenzen mit Hähnel sowie dessen Umfeld fortsetzen.
Im Zuge des Bundesparteitages ist mit einer
Thematisierung des Konflikt im Berliner Landesverband und
eventuellen weiteren personellen Konsequenzen zu rechnen.
In jedem Fall lässt
sich eine faktische Selbstzerschlagung des NPD-Kreisverbandes
Marzahn-Hellersdorf in den vergangenen Monaten konstatieren.
Nachdem
sich bereits im August 2008 die NPD-Fraktion wegen interner
Differenzen auflöste,
scheinen die jüngsten Mitgliederverluste auch den Kreisverband
weitgehend arbeitsunfähig zu machen. Besonders in Hinblick auf die
kommenden Wahlkämpfe im Jahr 2009 kann zumindest vorläufig eine
personelle Schwächung auch des Berliner Landesverbands erwartet
werden.
Unterdessen hat sich Gesine Hennrich mitnichten aus der Naziszene
zurückgezogen. Einen Tag vor der Veröffentlichung ihres
Rücktrittsschreibens kündigte sie unter ihrem Pseudonym „Hex“ im
Namen der „Nationalen Aktiven Frauen Berlin“(2)
auf der Seite des NPD-Kreisverbandes Tempelhof-Schöneberg an, dass
die ehemaligen Mitglieder des RNF Berlin keinen „weichgespülten“
Bundesvorsitzenden akzeptieren werden und daher den Flügel um Jürgen
Rieger, Udo Voigt, Eckart Bräuniger und Torsten Heise unterstützen.
Am 07.02.2009 nahm sie an einer Nazidemonstration in Brandenburg
a.d.H. teil und
besuchte am Abend des selben Tages
einen Stammtisch, bei der sie pikanterweise auf ihren Widersacher,
den Berliner NPD-Vorsitzenden Jörg Hähnel stieß(3).
(1)
Der Ring Nationaler
Frauen (RNF) ist eine Unterorganisation der NPD. (2)
Dieses Label könnte in Zukunft als Ausweichstruktur für die
neben Hennrich aus dem RNF ausgestiegenen Frauen fungieren. (3)
Homepage des NPD-KV3
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